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Die Geschichte der Lichttherapie: von Sonnentempeln bis LED und Rotlicht

Die Geschichte der Lichttherapie wird online meist in drei Zeilen abgehandelt: Die alten Ägypter machten etwas mit der Sonne, Niels Finsen gewann einen Nobelpreis, und dann kam die NASA mit LEDs. Das ist nicht falsch, überspringt aber gut zweitausend Jahre. Zwischen dem Sonnentempel und der Rotlichtlampe liegen Farbtherapie, Glühlichtbäder, alpine Sanatorien, ein Blauglas-Hype, ein Strafprozess, ein Brutkasten in Essex und ein ungarischer Chirurg, der glaubte, Krebs auszulösen.

Dieser Artikel versucht, die Linie vollständig zu ziehen, einschließlich der Formen, die heute als Quacksalberei gelten, und der Formen, die still und leise zur Standardmedizin geworden sind. Wo möglich verweisen wir auf die Primärquellen: die Bücher selbst, die Originalveröffentlichungen und die Archive, in denen sie eingescannt vorliegen.

Warum diese Geschichte meist nur halb erzählt wird

Es gibt drei Gründe, warum die meisten Übersichten Lücken haben.

  • Die Quellen sind Bücher, keine Artikel. Der Kern der Lichttherapie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts steht in Monografien, die nie in PubMed gelandet sind. Wer nur in wissenschaftlichen Datenbanken sucht, verpasst Kellogg, Babbitt, Pancoast, Cleaves und Rollier vollständig.
  • Ein Teil der Vergangenheit ist peinlich. Die Farbtherapie ist zum Lehrbuchbeispiel für Pseudowissenschaft geworden. Autoren, die ernst genommen werden wollen, lassen dieses Kapitel deshalb weg, obwohl man gerade dort am meisten darüber lernt, wie sich die Lichttherapie immer wieder selbst ins Knie geschossen hat.
  • Die Disziplinen reden nicht miteinander. Dermatologie, Neonatologie, Psychiatrie, Physiotherapie und Raumfahrtforschung haben jeweils ihre eigene Lichtgeschichte geschrieben, mit eigenen Jahreszahlen und eigenen Helden. Sie verweisen selten aufeinander, obwohl es um dasselbe physikalische Phänomen geht.

1. Die Antike: Licht als Heilmittel, lange vor der Physik

Ägypten und der Papyrus Ebers

Die älteste dokumentierte Lichtbehandlung ist kein Sonnenbad, sondern eine photochemische Behandlung. Der Papyrus Ebers (um 1550 v. Chr.), mit etwa zwanzig Metern das umfangreichste erhaltene Dokument der ägyptischen Medizin, beschreibt die Behandlung weißer Hautflecken, fast sicher Vitiligo, damals mit Lepra verwechselt. Die Methode: ein Aufguss einer Pflanze, die am Nil wuchs, gefolgt von Sonnenbestrahlung.

Diese Pflanze war Ammi majus, auf Deutsch Große Knorpelmöhre. Sie enthält Psoralene: Moleküle, die unter ultraviolettem Licht mit der DNA in der Haut reagieren. Das ägyptische Rezept ist damit, gut dreieinhalb Jahrtausende vor der Erfindung des Wortes, eine primitive Form der Photochemotherapie.

Fragment des Papyrus Ebers, des ägyptischen medizinischen Dokuments aus der Zeit um 1550 v. Chr.
Der Papyrus Ebers (um 1550 v. Chr.), das umfangreichste erhaltene Dokument der ägyptischen Medizin. Gemeinfrei.

Indien: der Atharvaveda

Unabhängig von Ägypten beschreibt der Atharvaveda in Indien eine nahezu identische Behandlung für Leukoderma: die Einnahme von Samen der Bavachi-Pflanze (Psoralea corylifolia), gefolgt von Sonnenlicht. Auch diese Pflanze enthält Psoralene. Zwei Hochkulturen kamen also unabhängig voneinander auf dieselbe Kombination aus einem photosensibilisierenden Stoff und Sonnenlicht, das Prinzip, auf dem die moderne PUVA-Therapie bis heute beruht.

Griechenland und Rom: Heliosis und das Solarium

Herodot wird oft der Vater der Heliotherapie genannt. In seinen Historien (um 525 v. Chr.) beschreibt er eine Beobachtung auf einem alten Schlachtfeld: Die Schädel der Ägypter waren auffallend hart, die der Perser brüchig. Seine Erklärung war, dass die Ägypter ihren Kopf kahl schoren und ein Leben lang in der Sonne gingen, während die Perser Turbane trugen. Es ist der erste bekannte Versuch, Knochenqualität mit Sonnenlicht zu verbinden, eine Vermutung, die erst im 20. Jahrhundert über Vitamin D teilweise bestätigt werden sollte.

Hippokrates verordnete Sonnenbäder; die griechische Medizin kannte Heliosis als Behandlungsform. Die Römer bauten es in die Architektur ein: Das Solarium war ein zur Sonne ausgerichteter Raum in Villen und Badehäusern, genau für diesen Zweck gedacht. Auch im alten China gab es eine Farbbehandlung, bei der Sonnenlicht durch farbiges Papier auf Patienten gelenkt wurde.

Die arabische Überlieferung

In Europa ging das Wissen größtenteils verloren, in der arabischen Medizin blieb es jedoch erhalten. Um 1100 beschreibt Ibn al-Baitar in Mofradat El-Adwiya erneut ein Mittel gegen Vitiligo auf Basis von Ammi majus, eingenommen und gefolgt von Sonnenlicht. Dieselbe Tradition führte 1948 zur klinischen Wiederentdeckung durch den ägyptischen Dermatologen A.M. El-Mofty, der die Behandlung mit Ammi majus wieder in einer medizinischen Fachzeitschrift beschrieb: die direkte Brücke zur modernen PUVA.

2. 1855 bis 1890: Heliotherapie wird eine Bewegung

Die Naturheilkunde des 19. Jahrhunderts holte die Sonne zurück. Der Schweizer Arnold Rikli eröffnete 1855 in Veldes (dem heutigen Bled in Slowenien) einen Kurort, der auf Luft-, Wasser- und Sonnenbädern beruhte. Rikli ist der Erfinder des Lichtluftbads: der Idee, dass die Haut direkt Luft und Licht ausgesetzt werden sollte, nicht nur durch ein Fenster.

Das war Ideologie. 1877 kam der Beweis. Der britische Arzt Arthur Downes und der Chemiker Thomas Blunt veröffentlichten in den Proceedings of the Royal Society of London ihre Beobachtung, dass Bakterienkulturen im Sonnenlicht klar blieben, während identische Kulturen im Schatten trüb wurden. Sie zeigten außerdem, dass der Effekt von Intensität, Dauer und Wellenlänge abhing und dass die kurzwellige Seite des Spektrums am wirksamsten war.

Das ist der Wendepunkt der ganzen Geschichte. Ab diesem Moment war Sonnenlicht nicht länger eine angenehme Gewohnheit, sondern ein nachweislich biologisch wirksamer Faktor. Charles-Édouard Duclaux bestätigte es 1885, H. Marshall Ward ordnete den Effekt in den 1890er-Jahren gezielt dem ultravioletten und violett-blauen Licht zu.

1890 stellte der Missionsarzt Theobald Palm den Zusammenhang zwischen Rachitis (Englische Krankheit) und Sonnenmangel her. Ihm war aufgefallen, dass die Krankheit im sonnigen, armen Japan kaum vorkam und im bewölkten, industriellen Großbritannien epidemisch war. Palm plädierte für Sonnenbäder als Routinemaßnahme, dreißig Jahre bevor irgendjemand wusste, warum das wirken sollte.

3. 1876 bis 1878: Die Farbtherapie entsteht in einem Weintraubengewächshaus

Während Downes und Blunt Bakterien zählten, geschah in Philadelphia etwas ganz anderes. Augustus Pleasonton, pensionierter General aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, überlegte, dass Pflanzen im Frühling gedeihen und im Winter nicht, und dass der Himmel im Frühling blauer ist. Zwischen 1861 und 1876 baute er Gewächshäuser mit abwechselnd klaren und blauen Scheiben und behauptete spektakuläre Traubenerträge.

1876 veröffentlichte er sein Hauptwerk, The Influence of the Blue Ray of the Sunlight and of the Blue Colour of the Sky, berüchtigt, weil es auf blauem Papier mit blauer Tinte gedruckt wurde. Das Buch weitete die Behauptung von Trauben auf Vieh und dann auf menschliche Krankheiten aus. Das Ergebnis war der „blue-glass craze“: ein kurzer, heftiger Hype, bei dem Amerikaner blaue Scheiben kauften, um darunter zu sitzen.

Zwei Autoren bauten direkt darauf auf und bilden zusammen das Fundament der modernen Chromotherapie:

  • Seth Pancoast, Blue and Red Light; or, Light and Its Rays as Medicine (1877). Pancoast beschränkte sich auf zwei Farben: Blau als beruhigend, Rot als anregend. Er warnte in seinem Vorwort vor „Lichtquacksalbern“ und beschrieb dann Heilungen, die keiner Prüfung standhalten würden: ein gelähmter Junge, der nach einer Woche unter rotem Glas wieder lief, eine Frau mit Ischias, die nach drei Sitzungen in blauem Licht genesen war. Historiker beschreiben das Buch als Mischung aus Farbtherapie, Mystik und Kabbala.
  • Edwin Dwight Babbitt, The Principles of Light and Color (1878). Sechshundert Seiten, deren erste Kapitel eine überraschend nüchterne Einführung in die Farbenlehre sind. Danach kippt es in eine kosmische Harmonielehre und Hunderte Seiten farbtherapeutischer Fallbeschreibungen. Babbitt erfand die „Chromo Disk“ und die Idee von Wasser, das durch farbiges Glas „aufgeladen“ wird. Sein Buch wurde das meistzitierte Werk der Farbtherapie des 19. Jahrhunderts.

Es ist verlockend, das als Randerscheinung abzutun, aber die Farbtherapie war in dieser Zeit weit verbreitet und wurde auch in der etablierten Medizin angewendet. Im Pariser Krankenhaus Salpêtrière ließ Charles Féré die Fenster von Patientenzimmern violett färben; im Ersten Weltkrieg wurden Soldaten mit Kriegszittern in farbigen Sälen untergebracht.

Farbtafel aus The Principles of Light and Color von Edwin Dwight Babbitt, 1878
Tafel aus Edwin D. Babbitt, The Principles of Light and Color (New York, 1878), dem meistzitierten Werk der Farbtherapie des 19. Jahrhunderts. Gemeinfrei.

Ghadiali und das Spectro-Chrome

Die Farbtherapie erreichte ihren Höhepunkt und ihren Untergang in einer Person: Dinshah P. Ghadiali (1873 bis 1966), in Bombay geboren und in die Vereinigten Staaten ausgewandert. 1920 stellte er das Spectro-Chrome vor: einen Lampenkasten mit farbigen Glasfiltern und einem kompletten System, in dem jede Farbe Organen und Beschwerden zugeordnet wurde. 1933 erschien seine Spectro-Chrome Metry Encyclopedia.

Ghadiali bildete mehr als hundert Kursteilnehmer aus und hatte prominente Unterstützer, darunter Kate W. Baldwin, Chirurgin am Women’s Hospital in Philadelphia, die die Methode bei schweren Verbrennungen einsetzte. Ab 1924 führte die American Medical Association eine lange Kampagne gegen ihn. Einen Prozess 1931 gewann er noch. Nach dem Food, Drug and Cosmetic Act von 1938 bekam die FDA viel mehr Befugnisse, und 1947 wurde er wegen irreführender Kennzeichnung verurteilt: Seine Geräte und Veröffentlichungen wurden vernichtet, er bekam fünf Jahre Bewährung und musste sein Institut schließen. 1958 folgte ein dauerhaftes Verbot des Versands über Bundesstaatsgrenzen.

Was genau geschah, hängt stark davon ab, wer es erzählt. Für die einen ist es ein Lehrbuchbeispiel für berechtigtes Vorgehen gegen Quacksalberei, für die anderen eine Geschichte der Unterdrückung. Fest steht, dass der Fall den Begriff „Farbtherapie“ für Jahrzehnte im medizinischen Kontext unbrauchbar machte, mit der Nebenwirkung, dass ernsthafte Forschung zu den biologischen Effekten bestimmter Wellenlängen im sichtbaren Spektrum ebenfalls lange verdächtig blieb.

4. Niels Finsen: Lichttherapie wird Wissenschaft

Niels Ryberg Finsen (1860 bis 1904), auf den Färöern geboren und in Kopenhagen tätig, machte die Lichttherapie zu einer medizinischen Disziplin. Seine eigene chronische Krankheit, später als Niemann-Pick-Krankheit gedeutet, machte ihn schwach und müde, und er merkte, dass Licht ihm mehr Energie gab. Das wurde seine Forschungsfrage.

Porträt von Niels Ryberg Finsen, Begründer der modernen Phototherapie
Niels Ryberg Finsen (1860-1904). Porträt von Wentoft. Gemeinfrei.

1893: das rote Zimmer

Finsen stieß auf den Bericht eines amerikanischen Arztes, wonach Pockenpatienten, die sich kriegsbedingt unterirdisch verstecken mussten, schneller genasen und weniger Narben behielten. Er vermutete, dass die „chemischen Strahlen“, der violette und ultraviolette Teil des Spektrums, die Pustelbildung und Vernarbung verschlimmerten. Während eines Pockenausbruchs in Norwegen testete er das: Patienten wurden in Zimmern gepflegt, in die nur rotes Licht gelangte, der kurzwellige Bereich war herausgefiltert. Er berichtete von weniger eitrigen Bläschen und weniger Pockennarben.

Das ist historisch bemerkenswert: Die erste systematische klinische Anwendung von Rotlicht in der modernen Medizin war eine abschirmende Anwendung. Rot wurde nicht gewählt, um etwas zu tun, sondern um etwas nicht zu tun. Finsen selbst betrachtete sowohl die Pockenbehandlung als auch die spätere Lupusbehandlung als Nebenwege seines eigentlichen Ziels.

1895: Lupus vulgaris und die Finsen-Lampe

Angeregt von Downes und Blunt überlegte Finsen: Wenn Licht Bakterien im Reagenzglas tötet, kann es das vielleicht auch im Gewebe. Lupus vulgaris, Hauttuberkulose, eine entstellende und damals kaum behandelbare Erkrankung von Gesicht und Hals, war der Testfall. Er begann mit gebündeltem Sonnenlicht und entwickelte dann eine Lampe auf Basis elektrischer Kohlebogenlampen, mit einem Linsensystem, das den Strahl auf die Läsion bündelte. Entscheidendes Detail: Normales Glas absorbiert Ultraviolett, also stieg er auf Quarz um.

Die Ergebnisse waren für die damalige Zeit spektakulär. 1896 wurde in Kopenhagen das Medizinische Lichtinstitut gegründet, später das Finsen-Institut. Innerhalb weniger Jahre folgten etwa vierzig Finsen-Institute in Europa und den Vereinigten Staaten. 1903 erhielt Finsen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Er war zu krank, um an der Zeremonie teilzunehmen, und spendete einen großen Teil des Preisgelds an das Institut. Er starb 1904 mit 43 Jahren.

Behandlung mit einer Finsen-Lampe in London, 1925
Behandlung mit einer Finsen-Lampe, London 1925. Gut zwanzig Jahre nach Finsens Tod stand das Gerät noch in europäischen Krankenhäusern. Gemeinfrei.

Sein Buch Phototherapy erschien 1901 in der englischen Übersetzung von James H. Sequeira und ist das erste medizinische Standardwerk zu diesem Thema.

5. John Harvey Kellogg und das Glühlichtbad

Während Finsen in Kopenhagen Ultraviolett bündelte, ging John Harvey Kellogg (1852 bis 1943) in Battle Creek, Michigan, einen anderen Weg: Wärme und sichtbares Licht, am ganzen Körper, mit Glühlampen.

Kellogg war Direktor des Battle Creek Sanitarium und, zusammen mit seinem Bruder, der Mann hinter den Cornflakes. Michigan hat lange, graue Winter, und das war laut ihm selbst der direkte Anlass: Wenn die Sonne nicht kommt, macht man sie selbst. 1891 baute er das erste Glühlichtbad, einen mit Glühlampen ausgekleideten Kasten, in den sich der Patient setzte. 1896 patentierte er das Strahlungswärmebad in den Vereinigten Staaten.

1910 erschien sein Light Therapeutics: A Practical Manual of Phototherapy for the Student and the Practitioner, with Special Reference to the Incandescent Electric-Light Bath. Dieses Buch ist aus drei Gründen das wichtigste fehlende Puzzlestück in den meisten Online-Übersichten:

  • Es ist die erste ausführliche praktische Anleitung für Lichttherapie als klinische Disziplin: Geräte, Bestrahlungszeiten, Dosierung, Indikationen, Kontraindikationen und die Kombination mit anderen physiotherapeutischen Behandlungen.
  • Es behandelt das gesamte Spektrum, also Sonnenlicht, Ultraviolett, sichtbares Licht und Infrarot, in einem zusammenhängenden Rahmen, statt einen Wellenlängenbereich zu isolieren.
  • Es stellt sich ausdrücklich in eine lange Tradition. Kellogg beginnt mit der Feststellung, dass die Heliotherapie zu den ältesten natürlichen Heilmitteln gehört und dass erst in den zwanzig Jahren vor seinem Buch die physiologischen Wirkungen von natürlichem und künstlichem Licht ernsthaft wissenschaftlich untersucht wurden. Er wusste also, dass er am Ende einer langen Linie stand, nicht am Anfang.

Das Glühlichtbad wurde ein kommerzieller und kultureller Erfolg. Krankenhäuser installierten Lichtbetten; zu den bekannten Gästen von Battle Creek gehörten Thomas Edison und Amelia Earhart. In Deutschland, wo die Idee begeisterter aufgenommen wurde als in Kelloggs eigenem Land, wurde das Gerät nachgebaut und weiterentwickelt. Kellogg sagte in seinem Buch voraus, dass bald kein Krankenhaus mehr als vollständig ausgestattet gelten würde ohne komplette elektrische Lichtgeräte. Zwanzig Jahre lang schien er recht zu behalten.

Rontgen rays and electro therapeutics with chapters on radium and phototherapy 1910 14571598400
Phototherapie-Geräte wie abgebildet in Rontgen Rays and Electro-Therapeutics, with Chapters on Radium and Phototherapy (1910), dem Jahr, in dem auch Kelloggs Handbuch erschien. Gemeinfrei.

6. Die alpinen Kliniken: Bernhard und Rollier

Am 2. Februar 1902 wurde im Spital Samedan im Schweizer Engadin ein schwer verletzter Mann mit Stichwunden in Brust und Bauch eingeliefert. Oskar Bernhard musste die Milz entfernen; acht Tage später brach die Operationswunde auf und ließ sich nicht mehr nähen. Bernhard legte die Wunde in die grelle Hochgebirgssonne. Die folgende Heilung brachte ihn dazu, Sonnenlicht systematisch einzusetzen, zuerst bei Wunden und später bei chirurgischer Tuberkulose. Er ließ sich in St. Moritz nieder.

Bernhards Beobachtung brachte Auguste Rollier (1874 bis 1954) auf dieselbe Spur. Rollier, ausgebildet unter dem Nobelpreisträger Emil Theodor Kocher, eröffnete 1903 in Leysin die erste Klinik, die speziell für die Sonnenbehandlung chirurgischer Tuberkulose eingerichtet war: Tuberkulose von Knochen, Gelenken und Wirbelsäule, damals vor allem bei Kindern und Jugendlichen, und bis dahin mit verstümmelnden Operationen behandelt.

Rollier ist aus methodischen Gründen wichtig. Er arbeitete mit einem strikten Aufbauplan: Die Bestrahlung begann an den Füßen, mit wenigen Minuten, und wurde über Tage auf den Körper ausgeweitet. Verbrennung galt als Behandlungsfehler, nicht als Nebenwirkung. Er kombinierte Sonnenlicht mit kalter Bergluft, Ruhe, Bewegung und Ernährung und behandelte nach eigenen Worten den malade tout entier, den ganzen Patienten. Seine Architektur wurde darauf ausgelegt: breite Sonnenterrassen, verschiebbare Betten, Ausrichtung nach dem Sonnenstand.

Der Umfang war beträchtlich. Rollier praktizierte die Behandlung über vierzig Jahre und führte schließlich sechsunddreißig Kliniken in Leysin mit zusammen mehr als tausend Betten. Sein Buch Heliotherapy (1923) wurde international zum Standardwerk. Er betonte übrigens selbst, dass Heliotherapie kein spezifisches Mittel gegen Tuberkulose war, sondern eine kraftvolle unterstützende Behandlung.

7. Rachitis, Vitamin D und die künstliche Höhensonne

Der größte handfeste Erfolg der Lichttherapie kam aus Berlin. 1919 veröffentlichte Kurt Huldschinsky Heilung von Rachitis durch künstliche Höhensonne: Kinder mit Rachitis wurden dreimal pro Woche eine Stunde mit einer Quecksilber- oder Kohlebogenlampe bestrahlt. Röntgenbilder zeigten eine deutliche Mineralisierung des Skeletts, vor allem an den Enden der Röhrenknochen. Eine nicht bestrahlte Kontrollgruppe verbesserte sich kaum oder gar nicht. Huldschinsky nannte ultraviolette Strahlung ein unfehlbares Mittel gegen alle Formen der Rachitis bei Kindern.

1921 bestätigten Alfred Hess und Lester Unger es mit normalem Sonnenlicht bei sieben Kindern in New York. 1924 zeigten Hess und Weinstock und unabhängig davon Harry Steenbock, dass man denselben Effekt übertragen konnte, indem man Lebensmittel bestrahlte: die Grundlage für die Vitamin-D-Anreicherung von Milch und der Anfang vom Ende der Rachitis als Volkskrankheit.

Inzwischen war die Technik verfügbar geworden. Quarzglas verträgt die hohe Temperatur eines Quecksilberdampfbogens und lässt Ultraviolett durch; Heraeus und AEG gründeten dafür 1906 gemeinsam die Quarzlampengesellschaft. Daraus entstand die künstliche Höhensonne, die im Ersten Weltkrieg bei verwundeten Soldaten eingesetzt wurde und danach in fast jedem Krankenhaus und vielen Arztpraxen stand. Ab den 1930er-Jahren war sie in Deutschland ein Marktführer; in den 1950er-Jahren wurde die kleine Variante ein Konsumartikel und damit der direkte Vorläufer des Solariums.

Die öffentliche Seite hielt Schritt. Caleb Saleeby gründete 1924 in Großbritannien die Sunlight League und veröffentlichte Sunlight and Health (1923). Als The Times im Mai 1928 eine vierzigseitige Beilage mit dem Titel „Sunlight and Health“ herausbrachte, war Lichttherapie zugleich medizinische Praxis, öffentliche Gesundheitskampagne und Mode.

8. 1930 bis 1950: der Niedergang

Innerhalb von zwei Jahrzehnten verschwand die Lichttherapie fast vollständig aus dem medizinischen Lehrplan. Dafür gab es gute und weniger gute Gründe.

  • Antibiotika. Ab den 1940er-Jahren machten Sulfonamide und später Streptomycin die Behandlung von Tuberkulose und Lupus vulgaris schneller, billiger und zuverlässiger. Eine monatelange Sonnenkur in den Alpen verlor gegen eine Spritze.
  • Die Vitaminpille. Als bekannt war, dass Rachitis von Vitamin-D-Mangel kam und sich dieser Stoff Lebensmitteln zusetzen ließ, brauchte es keine Lampe mehr.
  • Übertriebene Versprechen. Die Ultraviolettlampen wurden für alles Mögliche angepriesen. Je länger die Indikationsliste, desto weniger glaubwürdig das Ganze.
  • Die Farbtherapie zog den Rest mit. Die Prozesse gegen Ghadiali bekamen breite Presse. Im öffentlichen Bild rückte „Licht als Heilmittel“ in Richtung Quacksalberei.
  • Hautkrebs. Ab der zweiten Jahrhunderthälfte wurde der Zusammenhang zwischen ultravioletter Strahlung und Hautkrebs unausweichlich. Die Botschaft zum Sonnenlicht drehte sich von „mehr“ zu „schützen Sie sich“.

Was verschwand, war nicht die Wirksamkeit, sondern die Disziplin. Kaum Lichttherapieforschung wurde zwischen 1935 und 1955 widerlegt; sie wurde schlicht nicht mehr gemacht.

9. 1956: Die Rückkehr beginnt auf einer Frühchenstation

Das Comeback kam aus unerwarteter Richtung und dank einer Person, deren Name nicht in der Veröffentlichung steht.

Schwester Jean Ward leitete die Frühchenstation des Rochford General Hospital in Essex. Die Station lag um einen Innenhof, und Schwester Ward hatte die altmodische Überzeugung, dass frische Luft und Sonne ihren kleinen Patienten guttaten. Wenn kein Arzt in der Nähe war, um zu widersprechen, schob sie die Frühchen nach draußen.

Im Sommer 1956 sah die ärztliche Visite ein gelbes Kind mit einem scharf abgegrenzten Dreieck Haut, das viel gelber war als der Rest: genau das Stück, das unter der Decke gelegen hatte. Auf die Frage, woher das kam, erklärte Schwester Ward, das Kind habe in der Sonne gelegen. Kurz darauf fiel im Labor auf, dass eine Blutprobe, die versehentlich in der Sonne gestanden hatte, grün verfärbt war und einen viel niedrigeren Bilirubinwert hatte als erwartet.

Richard Cremer, Assistenzarzt unter dem Kinderarzt R.H. Dobbs, und der Biochemiker P.W. Perryman arbeiteten das aus. Sie bauten ein Gerät aus acht hellblauen Leuchtstoffröhren mit 40 Watt und veröffentlichten im Mai 1958 in The Lancet „Influence of light on the hyperbilirubinaemia of infants“. Schwester Ward stand nicht unter den Autoren; Cremer illustrierte seine späteren Memoiren aber mit einem Foto von ihr statt von seinem Gerät.

Die Aufnahme verlief langsam. Ärzte in Brasilien, Uruguay, Chile, Italien und Frankreich griffen es auf; der Begriff „Phototherapie“ wurde im September 1960 erstmals von Ferreira und Kollegen verwendet, die 77 gelbsüchtige Säuglinge behandelten. In den Vereinigten Staaten dauerte es bis 1968, bis Lucey und Kollegen die erste amerikanische Studie veröffentlichten, vermutlich einfach, weil von den einundzwanzig Folgeveröffentlichungen nach 1958 nur eine auf Englisch war.

Heute ist die Blaulicht-Phototherapie bei Neugeborenengelbsucht weltweite Standardversorgung, angewendet bei schätzungsweise Hunderten Millionen Kindern, heute fast ausschließlich mit LEDs um 460 bis 490 nm. Sie ist damit mit Abstand die am besten validierte Lichttherapie, die es gibt, und beweist nebenbei das Prinzip, das die Farbtherapeuten postulierten und nicht belegen konnten: Eine bestimmte Wellenlänge bewirkt im Gewebe etwas, das eine andere Wellenlänge nicht bewirkt.

10. 1974: PUVA, also zurück zu Ammi majus

1974 führten John Parrish und Thomas B. Fitzpatrick in Harvard den Begriff PUVA ein: Psoralen plus UVA. Ein Patient nimmt ein Psoralen ein und wird danach in einer geeichten Kabine mit Ultraviolett A (320 bis 400 nm) bestrahlt. Die Indikationen waren Psoriasis, Vitiligo und später das kutane T-Zell-Lymphom.

Chemisch ist das genau die ägyptische und vedische Behandlung: dieselbe Stoffklasse, aus denselben Pflanzenarten, gefolgt von denselben Wellenlängen, nur jetzt mit kontrollierter Dosierung. Das Bindeglied ist der ägyptische Dermatologe A.M. El-Mofty, der 1948 das traditionelle Ammi majus-Rezept erstmals als klinischen Bericht veröffentlichte.

PUVA brachte die Lichttherapie endgültig in die Dermatologie zurück und ebnete den Weg für Schmalband-UVB, UVA1, extrakorporale Photopherese (1987) und photodynamische Therapie. Letztere hat ihren eigenen Ursprung: 1900 entdeckte der deutsche Student Oskar Raab, dass Pantoffeltierchen durch die Kombination aus einem Farbstoff und Licht starben, während keins von beiden allein diesen Effekt hatte. Sein Betreuer Hermann von Tappeiner arbeitete es um 1903 zum Konzept der photodynamischen Wirkung aus.

11. Der Laser: 1960 und 1967

Die theoretische Grundlage legte Albert Einstein 1917 mit seiner Beschreibung der stimulierten Emission. Charles Townes baute 1954 den Maser, und am 16. Mai 1960 brachte Theodore Maiman bei Hughes Research Laboratories den ersten funktionierenden Laser zum Leuchten: einen Rubinkristall, der rotes Licht mit 694 nm aussandte.

Innerhalb von drei Jahren wurde der Laser als Ersatz für das Skalpell untersucht. Paul McGuff zeigte 1963, dass ein starker Laser Tumore bei Ratten zerstören konnte. Und hier beginnt der berühmteste Zufall in der Geschichte dieser Therapieform.

Endre Mester (1903 bis 1984), Chirurg an der Semmelweis-Universität in Budapest, wollte wissen, ob Laserlicht umgekehrt Krebs auslösen könnte. 1967 rasierte er Mäusen den Rücken, teilte sie in zwei Gruppen und bestrahlte eine Gruppe mit einem Rubinlaser von 694 nm auf sehr niedriger Leistung. Es entstand kein Krebs. Was dagegen geschah: Bei den bestrahlten Mäusen wuchs das Fell spürbar schneller nach als bei der Kontrollgruppe. Mester wiederholte das Experiment, veröffentlichte 1967 und 1968 und nannte das Phänomen Laserbiostimulation.

Der entscheidende Punkt ist, dass er einen nicht-thermischen Effekt beschrieb. Die Leistung war zu gering, um Gewebe zu erwärmen; die biologische Reaktion kam von Wellenlänge und Dosis, nicht von Wärme. Mester baute das zur Wundheilung aus und behandelte später Patienten mit schlecht heilenden Beingeschwüren.

Danach folgte ein Namensproblem, das dem Feld jahrzehntelang geschadet hat. Mester sprach zuerst von „low power laser rays“, dann von Biostimulation. In der Literatur wurde es Low-Level-Lasertherapie (LLLT); auf dem Markt daneben Cold Laser, Softlaser, Laserbiostimulation und noch eine Handvoll Begriffe. Mehr als acht Bezeichnungen für dasselbe Phänomen machten es unmöglich, die Literatur zu überblicken, und trugen stark zum Ruf der Unschärfe bei.

12. Tiina Karu und der Mechanismus

Solange es keinen Mechanismus gab, blieb Biostimulation für viele Forscher unglaubwürdig: zu viele verschiedene Beschwerden, zu wenig Erklärung. Die russische Biophysikerin Tiina Karu formulierte ab den 1980er-Jahren die Hypothese, die das änderte: Rotes und nahinfrarotes Licht wird in den Mitochondrien absorbiert, wo es den Zellstoffwechsel beeinflusst.

Der wichtigste Kandidat als Photoakzeptor ist die Cytochrom-c-Oxidase, Komplex IV der Atmungskette. Absorption in diesem Enzym würde die Elektronentransportkette beeinflussen, mit Effekten auf ATP-Produktion, reaktive Sauerstoffspezies und Signalmoleküle wie Stickstoffmonoxid. Karu merkte selbst an, dass der Effekt auf den ersten Blick unglaubwürdig und sogar geheimnisvoll wirkte, gerade weil er so breit zu wirken schien.

Dieser Mechanismus ist bis heute das gängige Arbeitsmodell, auch wenn er nicht unumstritten ist und weitere Wege vorgeschlagen wurden, darunter lichtempfindliche Ionenkanäle und Effekte auf die Wasserstruktur in der Zellmembran.

13. Die NASA und der Wechsel vom Laser zur LED

Der Wechsel vom Laser zur LED, der technologische Sprung, der Rotlichttherapie für Verbraucher möglich machte, kam nicht aus der Medizin, sondern aus dem Pflanzenbau in der Raumfahrt.

Der Ingenieur Ron Ignatius arbeitete Ende der 1980er-Jahre mit dem Wisconsin Center for Space Automation and Robotics (WCSAR) an LED-Beleuchtung, um Pflanzen in geschlossenen Räumen wie dem Space Shuttle und der späteren ISS wachsen zu lassen. Rotes und blaues Licht treiben die Photosynthese am effizientesten an; 1995 wurden auf diese Weise Kartoffeln an Bord des Shuttles gezogen. Die zugrunde liegende Technik, HEALS (High Emissivity Aluminiferous Light-emitting Substrate), stammt aus dem Jahr 1993.

Forschern, die viel mit diesen hellen LED-Panels arbeiteten, fiel auf, dass Schürfwunden an ihren Händen schneller zu heilen schienen. Für die NASA passte das zu einem echten Problem: In der Schwerelosigkeit nehmen Muskel- und Knochenmasse ab und Wunden heilen langsam, was auf langen Missionen missionskritisch wird.

Ignatius wandte sich an Harry Whelan, Neurologe am Medical College of Wisconsin. Zwischen 1995 und 2003 finanzierte die NASA über acht SBIR-Verträge, größtenteils aus dem Marshall Space Flight Center, Forschung zu medizinischen Anwendungen von LEDs, durchgeführt von Quantum Devices, dem Medical College of Wisconsin und einigen Partnern. Daraus entstanden unter anderem Studien zu Wundheilung, Netzhautschutz und, zusammen mit der University of Alabama, klinische Forschung zu oraler Mukositis bei Patienten, die vor einer Knochenmarktransplantation Chemo- und Strahlentherapie erhielten. Mit zusätzlicher Verteidigungsfinanzierung entwickelte Quantum Devices das handliche WARP 10: Warfighter Accelerated Recovery by Photobiomodulation.

Es ist wichtig, das korrekt zu formulieren, weil es oft übertrieben wird: Die NASA hat die Rotlichttherapie nicht erfunden. Mester war fast dreißig Jahre früher da. Was die NASA-Finanzierung aber tat, war zu zeigen, dass nicht-kohärente LEDs dieselben biologischen Effekte hervorrufen können wie Laser. Das löste das Feld von teuren, schmalen Laserstrahlen und machte große Panels, Heimgeräte und klinische Forschung in großem Maßstab möglich.

14. Die parallele Spur: Licht und die innere Uhr

Neben der Gewebespur lief ab 1980 eine zweite Linie, die heute mindestens ebenso wichtig ist: Licht, das nicht über die Haut, sondern über das Auge wirkt, und nicht auf Zellen, sondern auf die innere Uhr.

  • 1980: Alfred Lewy und Kollegen zeigen in Science, dass Licht beim Menschen die Melatoninausschüttung unterdrückt. Frühere Studien hatten das nicht gefunden, weil sie zu wenig Lichtintensität verwendeten.
  • 1982: Lewy, Kern, Rosenthal und Wehr behandeln einen Patienten mit einem saisonalen Stimmungszyklus mit hellem Kunstlicht.
  • 1984: Norman Rosenthal und Kollegen beschreiben in den Archives of General Psychiatry die saisonal abhängige Depression (SAD) als Syndrom, mit den ersten Befunden zur Lichttherapie. Von den 29 beschriebenen Patienten erhielten elf Lichttherapie; alle sprachen innerhalb von drei bis sieben Tagen an, und bei allen außer einem kamen die Beschwerden zurück, sobald das Licht abgesetzt wurde.
  • 1999 bis 2002: Entdeckung von Melanopsin und den intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGCs) durch unter anderem Ignacio Provencio und David Berson. Diese Zellen haben nichts mit Sehen zu tun; sie messen das Umgebungslicht und steuern direkt die biologische Uhr im Nucleus suprachiasmaticus. Sie sind um 480 nm am empfindlichsten: Blau.
  • 2018: Die Internationale Beleuchtungskommission veröffentlicht CIE S 026, die Norm, die melanopische Größen messbar macht, darunter die melanopische äquivalente Tageslicht-Beleuchtungsstärke (melanopische EDI). Damit lässt sich Bestrahlung erstmals in uhrrelevanten Einheiten statt in Lux ausdrücken.
  • 2022: Brown und Kollegen veröffentlichen in PLOS Biology einen Expertenkonsens mit konkreten Schwellenwerten für die Lichtexposition tagsüber, am Abend und in der Schlafumgebung, vertikal auf Augenhöhe gemessen.

Diese Spur schließt den Kreis zu Finsen, wenn auch unbeabsichtigt. Finsen nutzte Rotlicht, um den kurzwelligen Teil des Spektrums herauszufiltern. Die moderne Chronobiologie macht am Abend genau dasselbe, aus einem anderen Grund: Langwelliges Licht aktiviert Melanopsin kaum, kurzwelliges schon.

15. 2014 bis 2016: von LLLT zur Photobiomodulation

2014 einigten sich die North American Association for Photobiomodulation Therapy (NAALT) und die World Association for Laser Therapy (WALT) gemeinsam auf einen Begriff: Photobiomodulation. 2016 wurde der Begriff in die Medical Subject Headings der amerikanischen National Library of Medicine aufgenommen und damit zum offiziellen Indexbegriff für PubMed.

Die Wahl war inhaltlich, nicht kosmetisch. „Low-Level-Lasertherapie“ enthielt zwei Ungenauigkeiten: Der Effekt ist nicht an Laser gebunden, LEDs bewirken dasselbe, und „low level“ wurde nie definiert. Noch wichtiger: „Biostimulation“ legte nahe, dass mehr Licht immer mehr Wirkung bringt. Das stimmt nicht. Der Effekt ist biphasisch: Unter einer bestimmten Dosis passiert zu wenig, über einer bestimmten Dosis nimmt die Wirkung wieder ab. Modulation deckt das ab, Stimulation nicht.

Diese biphasische Dosis-Wirkungs-Beziehung ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahrzehnte und zugleich die am schlechtesten vermittelte. Sie ist der Grund, warum verlässliche Dosisangaben, also Wellenlänge, Bestrahlungsstärke in mW/cm², Abstand, Zeit und resultierende Dosis in J/cm², keine technische Nebensache sind, sondern der Kern der Sache.

Zeitleiste im Überblick

  • um 1550 v. Chr.: Papyrus Ebers: Ammi majus plus Sonnenlicht gegen weiße Hautflecken
  • um 1400 v. Chr.: Atharvaveda: Psoralea corylifolia plus Sonnenlicht
  • um 525 v. Chr.: Herodot verbindet Knochenfestigkeit mit Sonnenexposition
  • um 1100: Ibn al-Baitar beschreibt das Ammi majus-Rezept erneut
  • 1844: Robert Hunt, Researches on Light
  • 1855: Arnold Rikli eröffnet seinen Licht-Luft-Kurort in Veldes
  • 1876 bis 1878: Pleasonton, Pancoast und Babbitt: Geburt der modernen Chromotherapie
  • 1877: Downes und Blunt weisen die bakterientötende Wirkung von Sonnenlicht nach
  • 1890: Theobald Palm verbindet Rachitis mit Sonnenmangel
  • 1891: Kellogg baut das erste Glühlichtbad in Battle Creek
  • 1893: Finsen behandelt Pocken in rotem Licht
  • 1895 bis 1896: Finsen behandelt Lupus vulgaris; Gründung des Lichtinstituts Kopenhagen
  • 1900 bis 1903: Raab und von Tappeiner beschreiben die photodynamische Wirkung
  • 1902 bis 1903: Bernhard in St. Moritz, Rollier eröffnet Leysin
  • 1903: Nobelpreis für Finsen
  • 1906: Quarzlampengesellschaft (Heraeus/AEG); die künstliche Höhensonne
  • 1910: Kellogg, Light Therapeutics
  • 1919 bis 1924: Huldschinsky, Hess & Unger, Steenbock: Rachitis, Ultraviolett und Vitamin D
  • 1920 bis 1947: Ghadialis Spectro-Chrome: Aufstieg, Prozesse und Verbot
  • 1923: Rollier, Heliotherapy; Saleeby, Sunlight and Health
  • 1940er-Jahre: Antibiotika verdrängen die Lichttherapie
  • 1948: El-Mofty veröffentlicht das Ammi majus-Rezept klinisch
  • 1956 bis 1958: Schwester Jean Ward, Cremer und Perryman: blaues Licht gegen Gelbsucht
  • 1960: Maiman baut den ersten Laser (Rubin, 694 nm)
  • 1967: Mester entdeckt die Laserbiostimulation
  • 1974: Parrish und Fitzpatrick führen PUVA ein
  • 1980 bis 1984: Lewy zu Melatonin; Rosenthal beschreibt SAD und Lichttherapie
  • 1980er und 1990er: Karu schlägt Cytochrom-c-Oxidase als Photoakzeptor vor
  • 1993 bis 2003: NASA/WCSAR/Quantum Devices/Whelan: LEDs in der Medizin
  • 1999 bis 2002: Melanopsin und die ipRGCs werden entdeckt
  • 2014 bis 2016: „Photobiomodulation“ wird der standardisierte Begriff
  • 2018 bis 2022: CIE S 026 und die Konsensschwellen von Brown et al.

Fünf Muster, die sich immer wiederholen

Wer diese zweitausend Jahre hintereinander legt, sieht fünf Dinge immer wieder.

  1. Fast jeder Durchbruch war ein Zufall, den jemand ernst nahm. Downes und Blunt ging es um trübes Zuckerwasser. Schwester Ward schob ihre kleinen Patienten in die Sonne. Mester suchte Krebs und fand Haarwachstum. NASA-Forscher merkten, dass sich ihre Schürfwunden schlossen. Die Entdeckung lag jedes Mal im Bemerken, nicht im Suchen.
  2. Die Indikationsliste wurde jedes Mal zu lang. Kellogg, Ghadiali und die frühe LLLT-Industrie taten alle drei dasselbe: einen echten Effekt auf Dutzende Beschwerden ausweiten. Jedes Mal kostete das die Glaubwürdigkeit des Ganzen.
  3. Namensgebung ist nicht trivial. „Phototherapie“, „Aktinotherapie“, „Chromotherapie“, „Biostimulation“, „Cold Laser“, „LLLT“, „Photobiomodulation“: Der Wildwuchs an Begriffen machte das Feld jahrzehntelang unübersichtlich. Die Standardisierung von 2014 bis 2016 war deshalb kein Wortspiel, sondern notwendige Pflege.
  4. Die Dosierung war immer die Schwachstelle. Rollier hatte einen strengen Aufbauplan; die Farbtherapeuten hatten nichts. Die biphasische Dosis-Wirkungs-Beziehung bedeutet, dass eine zu hoch dosierte Behandlung kein stärkeres, sondern ein schwächeres Ergebnis bringt. Ohne verlässliche Angabe von Wellenlänge, Bestrahlungsstärke, Abstand und Zeit ist eine Lichtbehandlung nicht reproduzierbar, damals nicht und heute nicht.
  5. Wirksame Lichttherapie verschwindet nicht, sie wechselt den Namen. Finsens Ultraviolettbehandlung lebt in Schmalband-UVB weiter. Der ägyptische Pflanzenaufguss wurde PUVA. Die Höhensonne wurde das Solarium. Mesters Rubinlaser wurde das LED-Panel. Und Rolliers Sonnenterrasse ist heute ein Konsensschwellenwert für melanopische EDI am Schreibtisch.

Quellen

Historische Bücher (Primärquellen)

  • Kellogg, J.H. (1910). Light Therapeutics: A Practical Manual of Phototherapy for the Student and the Practitioner, with Special Reference to the Incandescent Electric-Light Bath. Battle Creek, MI: Good Health Publishing. Vollständig eingescannt: Internet Archive / Yale Cushing-Whitney Medical Library
  • Finsen, N.R. (1901). Phototherapy. Übersetzt von James H. Sequeira. London: Edward Arnold.
  • Pleasonton, A.J. (1876). The Influence of the Blue Ray of the Sunlight and of the Blue Colour of the Sky. Philadelphia.
  • Pancoast, S. (1877). Blue and Red Light; or, Light and Its Rays as Medicine. Philadelphia: J.M. Stoddart.
  • Babbitt, E.D. (1878). The Principles of Light and Color. East Orange, NJ. Siehe auch die Bildbesprechung bei The Public Domain Review
  • Hunt, R. (1844). Researches on Light. London: Longman.
  • Cleaves, M.A. (1904). Light Energy: Its Physics, Physiological Action and Therapeutic Applications. New York: Rebman.
  • Freund, L. (1903). Grundriss der gesammten Radiotherapie für praktische Ärzte. Wien: Urban & Schwarzenberg.
  • Rollier, A. (1923). Heliotherapy. London: Oxford University Press.
  • Saleeby, C.W. (1923). Sunlight and Health. London: Nisbet & Co.
  • Huldschinsky, K. (1928). The Ultra-Violet Light Treatment of Rickets. New Jersey: Alpine Press.
  • Ghadiali, D.P. (1933). Spectro-Chrome Metry Encyclopedia. Malaga, NJ: Spectro-Chrome Institute.
  • Dinshah, D. Let There Be Light. Malaga, NJ: Dinshah Health Society.
  • Beckett, R.H. (1955). Modern Actinotherapy. London.

Moderne historische Studien

  • Woloshyn, T.A. (2017). Soaking Up the Rays: Light Therapy and Visual Culture in Britain, c. 1890-1940. Manchester University Press. Open Access über NCBI Bookshelf
  • Carter, S. (2007). Rise and Shine: Sunlight, Technology and Health. Oxford: Berg.
  • Hobday, R. (1999). The Healing Sun: Sunlight and Health in the 21st Century. Findhorn Press.
  • Hobday, R. (2006). The Light Revolution: Health, Architecture and the Sun. Findhorn Press.
  • Ingold, N. (2015). Lichtduschen: Geschichte einer Gesundheitstechnik, 1890-1975. Zürich: Chronos.
  • Hobday, R. (1997). Sunlight therapy and solar architecture. Medical History, 41(4), 455-472.
  • Rachlin, S.M. & Rachlin, H. (2018). Color War: Dinshah P. Ghadiali’s Battle with the Medical Establishment. Amsterdam Publishers.
  • Hamblin, M.R. et al. (Hrsg.). Handbook of Photomedicine. CRC Press.

Wissenschaftliche Artikel und Übersichten

  • Downes, A. & Blunt, T.P. (1877). Researches on the effect of light upon bacteria and other organisms. Proceedings of the Royal Society of London, 26, 488-500.
  • Hönigsmann, H. (2013). History of phototherapy in dermatology. Photochemical & Photobiological Sciences, 12(1), 16-21.
  • Roelandts, R. (2002). The history of phototherapy: something new under the sun? Journal of the American Academy of Dermatology, 46(6), 926-930.
  • Grzybowski, A. & Pietrzak, K. (2012). From patient to discoverer: Niels Ryberg Finsen (1860-1904), the founder of phototherapy in dermatology. Clinics in Dermatology, 30(4), 451-455.
  • Huldschinsky, K. (1919). Heilung von Rachitis durch künstliche Höhensonne. Deutsche Medizinische Wochenschrift, 45, 712-713.
  • Hess, A.F. & Unger, L.J. (1921). The cure of infantile rickets by sunlight. JAMA, 77, 39-41. Kontext: Journal of Clinical Investigation: Resurrection of vitamin D deficiency and rickets
  • Cremer, R.J., Perryman, P.W. & Richards, D.H. (1958). Influence of light on the hyperbilirubinaemia of infants. The Lancet, 1, 1094-1097.
  • Maisels, M.J. & McDonagh, A.F. (2015). Sister Jean Ward, phototherapy, and jaundice: a unique human and photochemical interaction. Journal of Perinatology, 35, 671-672.
  • Mester, E., Szende, B. & Tota, J.G. (1967). Effect of laser on hair growth of mice. Kísérletes Orvostudomány, 19, 628-631.
  • Karu, T. (1989). Photobiology of low-power laser effects. Health Physics, 56(5), 691-704.
  • Anders, J.J., Lanzafame, R.J. & Arany, P.R. (2015). Low-level light/laser therapy versus photobiomodulation therapy. Photomedicine and Laser Surgery, 33(4), 183-184. PMID 25706882.
  • Lewy, A.J. et al. (1980). Light suppresses melatonin secretion in humans. Science, 210, 1267-1269.
  • Rosenthal, N.E. et al. (1984). Seasonal affective disorder: a description of the syndrome and preliminary findings with light therapy. Archives of General Psychiatry, 41(1), 72-80.
  • Brown, T.M. et al. (2022). Recommendations for daytime, evening and night-time indoor light exposure. PLOS Biology, 20(3), e3001571.
  • CIE S 026/E:2018. System for Metrology of Optical Radiation for ipRGC-Influenced Responses to Light. Internationale Beleuchtungskommission.

Institute, Archive und Enzyklopädien

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Dieser Artikel ist historisch und beschreibend. Er beschreibt, was in der Vergangenheit erforscht, behauptet und angewendet wurde, und ist keine medizinische Beratung oder Behandlungsaussage. Historische Behauptungen aus Quellen vor dem 20. Jahrhundert werden hier als Teil der Geschichte wiedergegeben, nicht als geltende Wissenschaft.

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